Formen, Verläufe und Besonderheiten der Depression

Die Depression gilt als eine der häufigsten und meistunterschätzten psychischen Erkrankungen in Deutschland. Die Wahrscheinlichkeit im Leben daran zu erkranken, liegt international bei 16-20 Prozent (4).

Obwohl eine Depression so häufig in der Gesellschaft vorkommt, können viele Menschen sie nur schwer einordnen und von anderen Erkrankungen unterscheiden. Dies liegt unter anderem daran, dass Depressionen von Mensch zu Mensch andere Beschwerden verursachen können.

Dieser Artikel gibt einen Überblick zu den häufigsten depressiven Formen, deren Verläufe und Besonderheiten.


1. Was ist eine Depression?

16 bis 20 von hundert Personen erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Depression  – deswegen wird sie im allgemeinen Sprachgebrauch auch als Volkskrankheit bezeichnet. Es besteht die Vermutung, dass die Dunkelziffer wesentlich höher ist (4). Viele Betroffene sprechen nicht über ihre Beschwerden oder erkennen nicht, dass sie an einer psychischen Erkrankung leiden.

In Deutschland zählt die Depression zu den affektiven Störungen (ICD-10 F3*). Das Wort “affektiv” bezieht sich dabei auf das emotionale Erleben der Person. Klinisch wird dabei in unipolar (nur depressive Episoden) und bipolar (depressive und manische Episoden im Wechsel) unterschieden.

*ICD-10 ist das internationale Klassifikationssystem für Krankheiten und verwandte Gesundheitsprobleme (International Statistical Classification of Diseases and Realted Health Problems). Psychische Erkrankungen werden im Kapitel F beschrieben.

Bei Frauen wird eine depressive Erkrankung häufiger diagnostiziert als bei Männern (Verhältnis von 1:2) (4).

Je nach Art, Schwere und Verlaufsform werden unterschiedliche Behandlungsstrategien angewendet. Deshalb ist es entscheidend, ein genaues Bild der jeweiligen Depression zu erhalten und zu wissen, was dieses Leiden verursacht hat.

1.1 Kernmerkmale einer Depression

Fast jeder Mensch erfährt in seinem Leben vereinzelte depressive Symptome. Ab und an mal niedergeschlagen oder traurig sein reicht noch lange nicht für die Diagnose einer Depression. Entscheidend ist es, dass die Symptomatik mindestens zwei Wochen besteht und in ihrer Schwere bedeutsam ist. Der berufliche und soziale Alltag ist davon beeinträchtigt (2).

Kernmerkmale sind:

  • gedrückte und niedergeschlagene Stimmung
  • Interessenverlust und Freudlosigkeit
  • Antriebsmangel mit hoher Ermüdbarkeit

Neben diesen Kernmerkmalen kann eine Depression einige Nebensymptome haben. In diesem Fall spricht man von einem depressiven Syndrom (8). Die Erfassung der Nebensymptome ist zur Diagnosefindung und für eine entsprechende Behandlung entscheidend.

Zu diesen Nebensymptomen zählen(2,4):

  • Schlafstörungen (Ein- oder Durchschlafprobleme) sowie ein Morgentief
  • Verminderter Appetit mit einem Gewichtsverlust von häufig mehr als 5%
  • Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
  • Vermindertes Selbstwertgefühl und mangelndes Selbstvertrauen
  • Oft kommt es zudem zu Entscheidungsschwierigkeiten mit hoher Unsicherheit sowie zu Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen
  • Suizidgedanken, selbstverletzendes Verhalten oder Suizidhandlung
  • Vorhandensein einer psychomotorischen Hemmung oder Agitiertheit

Einige Betroffene erleben eine innere Unruhe oder ein Getriebensein (agitierte Depression). Besonders in der agitierten Form ist eine Depression schwer erkennbar, was eine fundierte diagnostische Abklärung noch wichtiger macht.

Depressive Symptome im Überblick

2. Diagnostische Hauptformen der Depression

Wenn es um die Diagnostik der Depression geht, werden meist standardisierte Fragebögen, ein klinisches Interview und eine genaue Beobachtung der betroffenen Person genutzt. Damit soll ein möglichst vollständiges Bild der Symptome sowie der Lebensumstände der betroffenen Person erzielt werden.

Folgende Depressionsformen können grob unterschieden werden in:

  1. depressive Episoden
  2. rezidivierende depressive Störungen
  3. anhaltende affektive Störungen (inkl. Dysthymie)
  4. sonstige affektive Störungen

2.1. Die depressive Episode

Die depressive Episode gilt als eine der häufigsten depressiven Formen. Sie kann spontan auftreten oder sich über mehrere Wochen entwickeln. Die Symptome bestehen dabei dauerhaft für mindestens zwei Wochen und zeigen die oben genannten Kern- sowie einige der Nebenmerkmale.

Die Symptome sind die meiste Zeit des Tages vorhanden und können leicht bis schwer ausgeprägt sein. Die Schwere der Episode richtet sich nach der Anzahl der festgestellten Symptome (2):

  • Leichte depressive Episode: Vorhandensein von mindestens zwei Kernmerkmalen und maximal zwei Nebensymptomen
  • Mittelschwere depressive Episode: Vorhandensein von mindestens zwei Kernmerkmalen und drei bis vier Nebensymptomen
  • Schwere depressive Episode: Vorhandensein von allen Kernmerkmalen sowie vier oder mehr Nebensymptomen

Auslöser der depressiven Episode können belastende Lebensereignisse (Verlust der Arbeitsstelle, die Trennung oder der Tod einer geliebten Person), psychosoziale Stressfaktoren, langanhaltende Probleme in der Kindheit und/oder eine genetische Disposition sein.

Bei einer schweren depressiven Episode kann es zudem zu psychotischen Symptomen, wie Halluzinationen, Wahn oder sogar eine starke psychomotorische Hemmung (Stupor), kommen. Wenn solche Symptome auftreten, spricht man von einer sogenannten psychotischen Depression.

z.b. Weiterführende Information zur Major Depression finden Sie in diesem Artikel. Bitte „Major Depression“ verlinken.

Steckbrief „Depressive Episode“

Diagnoseschlüssel: ICD-10 F32

Hauptsymptome: Interessenverlust, Freudlosigkeit, gedrückte Stimmung, hohe Ermüdbarkeit, mangelnder Antrieb

Verlaufsform: Leicht, mittel oder schwer

Seit wann vorhanden: Mindestens seit 2 Wochen

Dauer: Oft mehrere Wochen bis Monate

2.2. Rezidivierende depressive Störung

Sobald es zu mindestens zwei einzelnen depressiven Episoden kommt, spricht man von einer rezidivierenden depressiven Störung. Zwischen den Episoden sollten für mindestens zwei Monate keine Symptome der Depression (symptomfreies Intervall) vorhanden sein.

Das Risiko für eine weitere Episode ist besonders hoch, wenn die zugrundeliegende Ursache nicht erkannt und behoben wurde. Die symptomfreie Zeit zwischen den Episoden kann Monate oder sogar Jahre betragen.

Meist beginnt eine rezidivierende depressive Störung zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr.

Steckbrief “Rezidivierende depressive Störung”

Diagnoseschlüssel: ICD-10 F33

Hauptsymptome: Interessenverlust, Freudlosigkeit, gedrückte Stimmung, hohe Ermüdbarkeit, mangelnder Antrieb

Verlaufsform: Leicht, mittel oder schwer

Seit wann vorhanden: Mindestens zwei Episoden, welche jeweils mindestens zwei Wochen bestehen

Dauer: Oft mehrere Wochen bis Monate, durchschnittlich 6 Monate (2)

Beginn: Oft zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr

2.3. Dysthymie

Bei der Dysthymie handelt es sich um eine anhaltende Störung der Stimmung, welche mindestens zwei Jahre bestehen muss (4). Die depressive Symptomatik ist jedoch nicht ausreichend schwer, um die Kriterien für eine leichte oder mittelgradige (rezidivierende) depressive Störung zu erfüllen.

Eine symptomfreie Zeit innerhalb dieser zwei Jahre darf nicht länger als zwei Monate gewesen sein.

Wenn es zuerst eine Dysthymie gab und diese im Verlauf die Kriterien für eine depressive Episode erfüllt, spricht man von einer Double Depression.

Der Beginn liegt meist im frühen Erwachsenenalter und kann lebenslang vorhanden sein.

Steckbrief “Dysthymie”

Diagnoseschlüssel: ICD-10 F34.1

Hauptsymptome: Chronische, leicht depressive Verstimmung, Aktivitäten werden oft als anstrengend erlebt, Grübeln, Interessenverlust, vermindertes Selbstwertgefühl.

Seit wann vorhanden: Mindestens seit 2 Jahren

Dauer: Chronisch mit wechselnder Intensität; gelegentlichen Phasen, an denen ein normales Wohlbefinden beschrieben wird.

Beginn: Meist im frühen Erwachsenenalter

3. Sonderformen einer Depression

Neben den oben genannten depressiven Erkrankungen gibt es weitere Depressionsformen. Diese besitzen zwar keinen eigenständigen Diagnoseschlüssel, dennoch ist ihre klare Benennung bedeutsam für die Behandlungsplanung.

3.1. Schwangerschaftsdepression

Eine Depression in der Schwangerschaft (pränatale Depression) kommt bei jeder 12. werdenden Mutter vor (9).

Gelegentlich geht eine Schwangerschaftsdepression in eine sogenannte Wochenbettdepression (postpartale Depression) über. Eine Wochenbettdepression kann auch erstmals nach der Entbindung, völlig unabhängig von einer vorabgegangenen Episode, auftreten. In jedem Fall sollte man dann professionelle Hilfe aufsuchen. Auch diese Verlaufsform ist gut behandelbar.

3.2. Saisonale Depression (SAD)

Viele Menschen bezeichnen die saisonale Depression als Herbst- bzw. Winterblues. Dabei wird in der kalten Jahreszeit eine Abnahme des Antriebes, eine gedrückte Stimmung sowie ein vermehrtes Grübeln bemerkt (3).

Als Auslöser werden u.a. ein Vitamin-D3-Mangel oder ein auch der Mangel an Tageslicht mit nachfolgenden Effekten auf den Melatonin Stoffwechsel diskutiert. (7).

3.3. Ängstliche Depression

Dieses Erkrankungsbild (ICD-10 F41.2) zeigt zu gleichen Teilen depressive und ängstliche Symptome, welche leicht bis mittelschwer ausgeprägt sein können. Zudem kommt es gehäuft zu vegetativen Symptomen, wie vermehrtes Schwitzen, eine schnelle Atmung oder innere Unruhe.

4. Mögliche Auslöser für depressive Symptome

Neben den oben genannten depressiven Störungen als eigenständige Diagnose können depressive Symptome auch im Rahmen anderer Erkrankungen oder durch die Einnahme von Substanzen auftreten (4).

Deshalb ist eine Abklärung körperlicher Gründe für die Behandlung einer Depression bedeutsam und wird vor der Aufnahme einer psychotherapeutischen Behandlung vom Hausarzt durchgeführt (Konsiliarbericht).

4.1. Körperliche Erkrankungen, die depressive Symptome auslösen können

Im Rahmen unterschiedlicher körperlicher Erkrankungen kann es zu depressiven Verstimmungen, zur schnellen Erschöpfung, Müdigkeit sowie zu Konzentrationsproblemen kommen. Solche depressiven Störungen aufgrund von organischen Erkrankungen werden im ICD 10 unter der Ziffer F06.3 verschlüsselt (4).

Eine der bekanntesten somatischen Erkrankungen, welche depressive Symptome bewirkt, ist eine Schilddrüsenunterfunktion. In diesem Falle produziert der Körper zu wenig Schilddrüsenhormone, wodurch es aufgrund einer veränderten Stoffwechselaktivität auch zu folgenden depressiven Symptomen kommen kann:

  • Extreme Müdigkeit, übermäßig schnelle Erschöpfung
  • Depressive Verstimmung
  • Konzentrationsstörungen
  • Antriebsmangel
  • Kopfschmerzen
  • Desinteresse
  • Kälteempfindlichkeit
  • Appetitlosigkeit

Weitere Erkrankungen sind Fatigue, Hirntumore, Kopf-Traumata, weitere Hirnerkrankungen (z.B. Epilepsie), systemische Erkrankungen mit Beteiligung des Gehirns (z.B. Schlaganfall) (4).

Bei diesen Formen steht die Behandlung der Grunderkrankung im Vordergrund.

4.2. Substanzinduzierte affektive Störung

Eine langanhaltende depressive Verstimmung, reduziertes Interesse und Freudlosigkeit können unmittelbare Folgen einer Substanzeinnahme sein (3). Mit dem Begriff Substanz sind verschiedene psychotrope Substanzen gemeint, z.B. :

  • diverse Medikamente (z.B. Steroide, Schmerzmittel, Antipsychotika),
  • illegale Drogen (z.B. Cannabis, Halluzinogene, Heroin)
  • Einwirkung von Toxinen

5. Depression bei Kindern

Eine spezielle Situation stellt die depressive Diagnostik bei Kindern dar. Nicht selten findet sich eine chronische, depressive Verstimmung, Gereiztheit oder andere depressive Symptome, welche jedoch nicht sofort erkannt werden (1).

Oftmals fallen die Kinder durch ein besonderes Verhalten auf (z.B. häufiges Streiten, Aggressionen, vermindertes Spielverhalten, Teilnahmslosigkeit, Schaukeln des Körpers, Schulleistungsstörungen).

Diese tritt oft aufgrund von frühkindlicher Deprivation, traumatischen Erfahrungen, Veranlagung oder anderen Belastungen auf.

Anlaufstellen sind hier Fachärzte für Kinderheilkunde, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, der Hausarzt, Schulpsychologen, Beratungsstellen oder ein Kinder- und Jugend-Psychotherapeut.

6. Fazit

Es gibt nicht “die eine Depression”. Unter einer depressiven Störung versammeln sich eine Reihe von heterogenen Störungsbildern, welche sich in ihrem Schweregrad, ihrer Dauer sowie im Verlauf unterscheiden können. Umso entscheidender ist es, dass eine genaue Differentialdiagnostik erstellt wird. Darauf aufbauend kann eine Therapie maßgeschneidert veranlasst werden.

Quellen:
(1) Dr. Holtmann Martin, Deutsche Depressionshilfe. Depression im Kindes- und Jugendalter, abgerufen am 23. Oktober 2022, von https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/depression-in-verschiedenen-facetten/depression-im-kindes-und-jugendalter

(2) Dilling H., Mombour W., Schmidt M. H., WHO (2010). Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F), 7. überarbeitete Auflage, Verlag Hans Huber

(3) Nickel Marius (2009). Depressive Erkrankungen. Springer-Verlag, Wien

(4) Nationale VersorgungsLeitlinie (2022). Unipolare Depression – Version 3.0, abgerufen am 20. November 2022, von https://www.leitlinien.de/themen/depression

(5) Deusche Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS) (2020). S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen – Version 2.1, abgerufen am 20. November 2022, von http://www.leitlinie-bipolar.de/wp-content/uploads/2020/05/S3_Leitlinie-Bipolar_V2.1_Update_20200504.pdf

(6) Simandl Christian, Mitterwachauer Klaudia (2007). Depression und Manie – Erkennen und erfolgreich behandeln. Springer-Verlag, Wien

(7) Dr. med. Tegtmeier Catri (2020). Hilft Vitamin D gegen die Volkskrankheit Depression?, abgerufen am 23. Oktober 2022, von https://www.asklepios.com/presse/presse-mitteilungen/bad-wildungen/vitamin-d~ref=9837f0e0-92c9-4366-8b73-8a9d34d1b632~

(8) Wittchen Hans-Ulrich, Hoyer Jürgen (2011). Klinische Psychologie & Psychotherapie. Springer-Verlag, Heidelberg

(9) Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (September 2020). Depression – Schwangerschaft und Geburt. Abgerufen am 17. Oktober 2022, von  

https://www.patienten-information.de/kurzinformationen/depression-schwangerschaft-geburt


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